Das schmutzige Geheimnis der Nachhaltigkeit von abgepackten Verbrauchsgütern – wissen Sie, wo die Leichen begraben liegen?

Geposted von Bob Lemmen

Bewusstsein und Fortschritt gemessen an KennzahlenPMMI_packaging_sustainability_infographic

Nachhaltigkeit ist seit den 90er Jahren ein heißes Thema in der Verbrauchsgüterverpackungsindustrie. Damals fingen große Einzelhandelsketten an, auf Druck seitens der Verbraucher zu reagieren und entwickelten Programme rund um Einsparung an der Quelle und Recyclinganteile.

Hersteller, die Einzelhändler beliefern, haben Maschinen- und Materiallieferanten dazu gedrängt, eine Reihe von Lösungen anzubieten, die es ihnen ermöglichen, die Ziele zur Einsparung an der Quelle zu erfüllen. Die Lieferanten haben ihren Beitrag erbracht, und Hersteller haben die von den großen Einzelhändlern und Branchenorganisationen mit Kennzahlen festgelegten Ziele durchweg erreicht oder übertroffen.

 

Ersetzen und Eliminieren

Bei den meisten Fortschritten liegt der Schwerpunkt darauf, sperrige Materialien durch Alternativen zu ersetzen. Beispiele dafür sind:

  • Verwendung dünnerer Folien
  • Ersetzen von Glas durch Beutel
  • Dünnere Wände von Plastikflaschen
  • Erhöhung des Post-Consumer-Recyclinganteils bei Kisten und Kartons
  • Ersetzen von Wellpappkartons durch in Schrumpffolie verpackte Trays; Ersetzen von Trays durch Pads; und schließlich das Eliminieren vieler Pads, da die Schrumpfverpackungstechnik zum direkten Verpacken von Mehrstückpackungen weiterentwickelt wurde.
  • Verbesserte Stärke und Haltbarkeit der Primärverpackung, einfach um den Bedarf an Sekundärverpackungen für die Distribution zu reduzieren

Durch jeden dieser Schritte wurden Verpackungsmengen im Abfallstrom deutlich reduziert. Die Technik hat diese Veränderungen auf faszinierende Weise möglich gemacht. Beuteltechnik, mehrschichtige dünne Folien mit Barriere Eigenschaften und Papierrecycling – überall gibt es Fortschritte, die diese Ziele der Einsparung an der Quelle und Nachhaltigkeit von abgepackten Verbrauchsgütern unterstützen.

Auch die Maschinentechnik hat dazu beigetragen – sie hat Primär-, Sekundär- und Tertiärverpackung auf effizientere Weise möglich gemacht. Kartonaufrichter, die besser mit den recycelter Wellpappe eigenen Unregelmäßigkeiten zurechtkommen, haben nicht nur die betrieblichen Auswirkungen ausgeglichen, sie haben auch die Effizienz insgesamt verbessert und den Energieverbrauch verringert - auch bei schwierigeren Materialien.

 

Zielkonflikte

Die größte Herausforderung bestand darin, die Qualität und Leistung auch bei fortschreitender Einsparung an der Quelle zu erhalten oder sogar zu verbessern.

Das erfordert eine Beurteilung, welchen Nettoeffekt das gesamte Primär- und Distributionsverpackungsprofil hat.

Zum Beispiel: Als die Wände von Wasserflaschen immer dünner gefertigt wurden, konnten Abfüller durch Stickstoffdosierung große Mengen an Wellpappe einsparen, indem die tragende Struktur des Karton-Exoskeletts durch die Festigkeit von Flaschen ersetzt wurde, die durch inneren Druck fest sind. Je nach dem Reibungskoeffizienten der Schrumpffolie wurde jedoch in bestimmten Fällen der Palettier- und Palettenwickelprozess beeinträchtigt. Nicht selten wird mehr Stretchfolie (gemessen am Gesamtgewicht, das zum sicheren Umwickeln einer Ladung erforderlich ist, um die erforderliche Rückhaltekraft zu erhalten) benötigt, um die Ladungen einheitlich versenden zu können.

Betrachtet man die Gesamtmenge gemessen in Gewicht oder Volumen, ist immer noch eine Reduzierung festzustellen. Es ist eine Einsparung an der Quelle und ein Erfolg mit Blick auf Nachhaltigkeit. Aber wichtig ist, den Nettoeffekt zu erkennen, damit Ziele real erreicht werden und nicht nur Fortschritte auf dem Papier in einem Bereich sind.

Um noch einen Schritt weiter zu gehen: Verpackung hat nicht nur die Aufgabe, das fertige Produkt zu versenden, sondern vielmehr es durch die Logistikkette bis zum Kauf im Einzelhandel und Verbrauch bewegen zu können.

 

Nicht nur „Netto Verpackung“

Hier müssen Unternehmen und Verbraucher besonders aufmerksam sein, damit Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Verpackungsmaterialien sind nur ein Element, das zu berücksichtigen ist. Ein weitaus größerer Bestandteil des Abfallstroms in der Lieferkette ist das unverkäufliche Produkt selbst.

Mit anderen Worten: Wenn eine ganze Palette mit Produkten im Distributionszentrum als einzelne Schachteln verstreut hinten im Lkw ankommt, wird oft festgestellt, dass alles unverkäuflich ist. Das kann auf tatsächliche ästhetische Schäden oder Bedenken hinsichtlich der Integrität der Verpackung zurückzuführen sein. Manchmal ist es eine Funktion der hocheffizienten besten Verfahren in der Distribution, nicht konforme Produkte einfach auszusondern, statt den Betrieb zu verlangsamen, um sie manuell zu prüfen und zu bearbeiten.

Hier liegt das schmutzige Geheimnis mancher Bemühungen um Nachhaltigkeit: Mitunter ziehen stark beachtete Änderungen für mehr Nachhaltigkeit in Produktionsstätten Änderungen nach sich, die den gegenteiligen Effekt haben. Werden diese Änderungen nicht vorgenommen, dann kann die Menge an unverkäuflichen Waren, die in den Abfallstrom gelangt, die vermeintlich eingesparte Menge völlig in den Schatten stellen.

Auch wenn die Netto-Nachhaltigkeit des Verpackungsmaterials Fortschritte erkennen lässt, ist der Bruttoeffekt in einigen Fällen sogar negativ.

 

Ist das Nettoergebnis positiv oder negativ?

Jetzt fängt es an, ein wenig verwirrend zu werden.

Die Verfolgung der Auswirkungen über die gesamte Logistikkette und die Vertriebskanäle hinweg ist ein höchst komplizierter Prozess, aus vielen Gründen.

Der einfachste Grund ist, dass die Rückkopplungsschleife nicht einfach aufrecht zu erhalten ist. Wenn ein Produkt in einem nicht konformen Zustand eingeht: Wie wird es gemeldet? Und wem? Oftmals geht die Meldung nicht mit ausreichend Details zur Ursachenfeststellung an die Teams in Produktion, Verpackungstechnik und Materialbeschaffung. Womöglich bekommen sie die Meldung überhaupt nicht. Also machen die Produktionsteams einfach weiter mit dem, was sie für bewährte Praxis halten.... und tragen damit dazu bei, dass immer mehr unverkäufliche Produkte in den Abfallstrom gelangen.

Wenn sie Statistiken bekommen, sind sie mit Sicherheit nicht detailliert genug für eine angemessene Ursachenanalyse. Zum Beispiel?

  • Ist das Produkt ursprünglich von einer Palette gerutscht und dadurch an einem Rand beschädigt?
  • Wurden Kartons nicht richtig gestapelt?
  • Wurde eine andere Ladung über ihnen gestapelt?
  • Hat hohe Feuchtigkeit während eines längeren Stopps in einem Distributionszentrum die Integrität der Wellpappe beeinträchtigt?
  • Ist das in einer Unternehmensspezifikation festgelegte Stretchfolienmuster ausreichend, um die Anforderungen von dünneren Folien und neuen Distributionskonfigurationen im Einzelhandel zu erfüllen?

Das sind einfache Beispiele – eine Reihe von Faktoren können Sie sich leicht selbst vorstellen. Der Punkt ist: Selbst wenn ein Schaden gemeldet wird, sind selten ausreichend Details bekannt, um das Problem genau genug zu definieren, sodass es gelöst werden kann. Daher kann der Nettoeffekt von Verpackungsänderungen zugunsten der Nachhaltigkeit tatsächlich negativ sein.

 

Wer ist für den Schaden verantwortlich? Es gilt der Grundsatz „Follow the money“.

Hier verliert sich die Spur, und wahrscheinlich bleibt es deshalb in vielen Diskussionen über Nachhaltigkeit ein Tabuthema. (Hier liegen die „Leichen“ mit Blick auf Nachhaltigkeit begraben!)

Die Produktion erreicht ihre Zielvorgaben. Das Vertriebsteam verzeichnet den notwendigen Fortschritt in seiner Kennzahl. Die Logistik bewegt das Produkt effizient durch die Logistikkette. Beschädigte/unverkäufliche Produkte liegen innerhalb der „Industrienormen“ und werden in der Regel durch budgetierte Wertberichtigungen behandelt. Mit anderen Worten: In vielen Unternehmen gibt es keine Abteilung, die für die „Kosten“ der unverkäuflichen Produkte, die aus den Bemühungen um weniger Verpackungen im Abfallstrom resultieren, verantwortlich ist. Während das Unternehmen als Ganzes potenziell einen erheblichen Teil der  Gutschriften einsparen könnte, die es für die unverkäuflichen Produkte macht, gibt es keine Abteilung, die davon profitiert, keine Abteilung, die sich für Bemühungen einsetzt.

Was bleibt unter dem Strich?

  • Nachhaltigkeit und Einsparung an der Quelle werden bei Herstellern, Einzelhändlern und Verbrauchern – und damit auch bei Lieferanten von Maschinen und Materialien – weiterhin hohe Priorität haben.
  • Projekte müssen ganzheitlich bewertet werden, um sicherzustellen, dass kompensatorische Änderungen zur Gewährleistung einer ordnungsgemäßen Lieferung berücksichtigt werden.
  • Unternehmen, die mit abgepackten Verbrauchsgütern arbeiten, könnten ihre Gewinne potenziell steigern, wenn sie die Folgen der Einsparung von Verpackungsmaterial außerhalb der Werksmauern verstehen und sich darauf einstellen würden.
  • Alle Beteiligten an der Nachhaltigkeitsdebatte könnten einen großen Sieg erringen, indem sie den Fluss unverkäuflicher Materialien in den Abfallstrom verringern – ein Fluss, der in vielen Fällen die Erfolge mit Blick auf Nachhaltigkeit, die dazu beitragen, womöglich sogar überwiegt.

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Dieser Beitrag wurde am 25. Februar 2020 veröffentlicht und am 25. Februar 2020 aktualisiert.

Stretchwickeln ist die slsung.
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